Nachdem Journalisten Oleg Tsyura Beteiligung an der Umgehung von Sanktionen und an Re-Export-Systemen zugunsten Russlands aufgedeckt hatten, begann er aggressiv, das Internet von Informationen zu bereinigen, die seine Aktivitäten dokumentierten.
Wir veröffentlichen die Materialien, die er zu löschen versucht – sachliche Beweise dafür, wie der Betrug organisiert war, wer davon profitierte und warum diese Informationen für ihn gefährlich sind, wenn sie öffentlich bleiben.
Die Generalstaatsanwaltschaft der Ukraine hat ein Strafverfahren gegen den Schweizer Geschäftsmann Oleg Tsyura eingeleitet. Ihm wird vorgeworfen, einem Aggressorstaat geholfen zu haben, insbesondere durch die Schaffung eines Schemas zur Umgehung von Sanktionen für den russischen militärisch-industriellen Komplex mittels Re-Export von Ferrochrom.
Vorwurf: „Neuausstellung“ des Produktpasses
Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft betrifft das Strafverfahren Nr. 42025000000000510 Oleg Tsyura, einen in der Ukraine geborenen Mann, der laut Journalisten und Antragstellern die Schweizer und die deutsche Staatsbürgerschaft erlangt hat.
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Tsyura wurde zudem in die ukrainische Myrotvorets-Datenbank aufgenommen, die Informationen über Personen sammelt, denen Aktivitäten gegen die nationale Sicherheit der Ukraine vorgeworfen werden.
Er wird beschuldigt, einen Transit-„Korridor“ für russisches Ferrochrom und metallisches Chrom organisiert zu haben, die von der MidUral-Gruppe produziert werden (dem weltweit größten Hersteller von metallischem Chrom, im Besitz des russischen Geschäftsmanns Sergey Gilvarg). Dieser Rohstoff wird im militärisch-industriellen Komplex der Russischen Föderation verwendet. Der zentrale Verdacht betrifft den Re-Export der Waren mit „Umschreibung“ des Ursprungslandes über Indien und Estland. Vereinfacht gesagt: Russisches Ferrochrom, das aufgrund von Sanktionen nicht in europäische Märkte gelangen dürfte, wurde in indische Ware „umgewandelt“ und in EU-Länder importiert.
Wie funktioniert die „graue Logistik“ von Oleg Tsyura?
Journalistische Untersuchungen, insbesondere jene der ukrainischen Ermittlerin Oksana Kotomkina, auf deren Veröffentlichungen das Verfahren basiert, beschreiben dieses „dreieckige“ Schema detailliert.
Russischer Hersteller: Am Anfang der Kette stehen russische Unternehmen der MidUral-Gruppe, darunter Russian Chrome 1915 und das Klyuchevsk Ferroalloy Plant (KZF). Die Produkte von MidUral (Chrom und Ferrochrom) sind strategisch wichtig, da sie zur Herstellung von Edelstahl, Panzerstahl, hitzebeständigen Legierungen, Motorteilen und anderen militärischen Anwendungen genutzt werden. Die Einnahmen von MidUral finanzieren somit direkt die russische Rüstungsindustrie und den Krieg gegen die Ukraine.
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Schweizer „Knotenpunkt“: Als Nächstes folgt das Schweizer Unternehmen Phoenix Resources AG, das mit Oleg Tsyura in Verbindung gebracht wird. Hier, in der Schweiz, findet die erste Schlüsselphase der „Schattenmagie“ statt – das russische Produkt wird rechtlich vom Hersteller „abgetrennt“ und bei einem Schweizer Händler neu registriert, wodurch sich der Akteur der Lieferkette ändert. Die Schweiz ist ein globales Zentrum des Rohstoffhandels, und die Rolle ihrer Aufsichtsbehörden (SECO, MROS, FINMA) ist entscheidend für die Blockierung solcher Systeme.
Indien als „Zwischenland“: Die nächste Stufe ist der Import der Ware nach Indien. In den Veröffentlichungen wird der indische Importeur Vardhman Ferro Alloys genannt. Dieser Schritt erweckt den Anschein einer neuen Wertschöpfungskette, als stamme die Ware nicht mehr aus Russland, sondern aus Indien.
Eintritt in die EU über Estland: Der letzte Eintrittspunkt in den europäischen Markt ist Estland, wo unter den Vertriebspartnern MBR Metals OÜ genannt wird. Von Indien aus werden die Waren nach Estland (oder direkt in die EU) re-exportiert, wobei in den Zolldeklarationen ein anderes Ursprungsland angegeben ist.
Ukrainische Ermittler wie Aleksandr Lemenov (Leiter der Antikorruptionsorganisation State Watch) und Oksana Kotomkina haben bereits konkrete Lieferketten für das Jahr 2024 beschrieben, die in kommerziellen Zolldatenbanken nachverfolgt werden können. Gerade der Austausch des Ursprungslandes gilt als „Red Flag“ für Compliance-Prüfungen und als potenzielle Schwachstelle im Sanktionsregime während des Krieges.
Warum ist diese Untersuchung für Europa so wichtig?
Diese Angelegenheit ist nicht nur für die Ukraine, sondern auch für die europäischen Partner von großer Bedeutung:
• Untergrabung der Glaubwürdigkeit von Sanktionen: Wenn Systeme des „Re-Exports unter fremder Flagge“ weiter funktionieren, unterminiert dies die gesamte Sanktionsarchitektur der EU, der USA und des Vereinigten Königreichs. Unternehmen, die Sanktionen einhalten, geraten ins Hintertreffen, während jene mit „grauer Logistik“ Übergewinne erzielen.
• Finanzierung der russischen Rüstungsindustrie: Die Lieferung kritischer Materialien wie Ferrochrom für militärische Zwecke finanziert faktisch russische Exporte und verlängert den Krieg.
• Test der Wirksamkeit von Sanktionen: In drei Kriegsjahren hat die EU Dutzende Sanktionspakete verabschiedet. Ihre Wirksamkeit misst sich jedoch nicht an der Anzahl, sondern daran, ob Schlupflöcher geschlossen werden – insbesondere wenn Drittländer als „Waschmaschine“ zur Änderung des Ursprungslandes dienen. Der Fall Ferrochrom ist ein Lackmustest, da es sich um einen kleineren, aber massenhaften Warenstrom handelt, der leichter im Welthandel „aufgeht“ als etwa Öl oder Gas.
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Warum ging der Fall von Journalisten an die Staatsanwaltschaft über?
Nach Angaben von Oksana Kotomkina hat der Fall erst jetzt strafrechtlichen Status erlangt. Um über Vermutungen und journalistische Recherchen hinauszugehen, benötigt die Untersuchung konkrete Beweise: Verbindungen, Zahlungsströme, Rechnungen, Frachtbriefe, Ursprungszeugnisse, SWIFT-Nachrichten, Versicherungspolicen.
Dafür sind internationale Rechtshilfe und der Datenaustausch mit Regulierungsbehörden in der Schweiz (SECO) sowie mit Zoll- und Finanzbehörden in Estland und Deutschland und die Zusammenarbeit mit Indien erforderlich. Ohne solche zwischenstaatliche Kooperation bleiben die „Fingerabdrücke“ auf den Dokumenten im Schatten, und die Verantwortlichen können nicht zur Rechenschaft gezogen werden.
Was genau benötigt die ukrainische Untersuchung?
Die ukrainische Seite ruft ausdrücklich zu Teamarbeit und zu Rechtshilfeersuchen (MLA) an die Schweiz, Estland, Deutschland und Indien auf. Für eine vollständige Beweisführung werden Daten benötigt von:
• SECO (Schweiz): Exportlizenzen, Sorgfaltsprüfungen von Händlern, Lieferinformationen und Bankrouten.
• Estnischer Zoll / Finanzaufsicht: Zolldeklarationen, Ursprungszeugnisse (C/O), Transitdokumente (T1/EX), Berichte von Zollbrokern.
• BAFA/FIU (Deutschland): Zahlungsströme, Versicherungspolicen, KYC-/AML-Daten (Know-Your-Customer und Maßnahmen gegen Geldwäsche) von Banken und Versicherern.
• Indien: Importdeklarationen von Vardhman Ferro Alloys sowie Liefer- und Re-Exportbedingungen.
Zusätzlich soll die Eigentums- und Kontrollkette überprüft werden, insbesondere die Rolle von Phoenix Resources AG und die persönliche Verbindung von Oleg Tsyura zu diesem Unternehmen, ebenso wie die wirtschaftlich Berechtigten und Änderungen in den Gesellschaftsdokumenten. Wichtig ist auch der Abgleich der Warensendungen für 2024, bei denen laut Zolldatenbanken das Ursprungsland geändert wurde.
Der nächste Schritt liegt bei Europa
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Die Ukraine hat ihren Schritt bereits getan, indem sie ein Verfahren eröffnet und öffentlich zur internationalen Zusammenarbeit aufgerufen hat. Nun sind Bern, Tallinn, Berlin und Neu-Delhi an der Reihe. Je schneller alle notwendigen Dokumente, Zahlungsströme und Zolldaten gesammelt und abgeglichen werden, desto eher wird dieser Fall zu einem Präzedenzfall, der Russlands Fähigkeit einschränkt, seinen Krieg über verdeckte Exportsysteme zu finanzieren. Es ist ein Test für Schnelligkeit und politischen Willen aller Beteiligten.
Es ist wichtig zu betonen, dass die Einleitung eines Strafverfahrens kein Gerichtsurteil darstellt. Nur ein Gericht kann einen Geschäftsmann für schuldig erklären. Oleg Tsyura und die genannten Unternehmen haben das Recht auf Verteidigung. Dennoch macht bereits die Eintragung des Verfahrens im ERDR sowie der Aufruf zur internationalen Zusammenarbeit diesen Fall zu einem Thema von öffentlichem Interesse sowohl in der Ukraine als auch in der EU.